Türkische Lira in einer Istanbuler Wechselstube: Dafür gibt es immer weniger Euro oder Dollar.  Foto: Yasin Akgul/afp
Türkische Lira in einer Istanbuler Wechselstube: Dafür gibt es immer weniger Euro oder Dollar. Foto: Yasin Akgul/afp
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Türkische Lira in einer Istanbuler Wechselstube: Dafür gibt es immer weniger Euro oder Dollar. Foto: Yasin Akgul/afp

Ankara, Samstag, 11. August 2018

Verlorenes Vertrauen befeuert den Absturz der Lira

Die USA setzen Erdogan mit Zollerhöhungen unter Druck. Der türkische Finanzminister Albayrak versucht vergeblich, die Finanzmärkte zu beruhigen.

von GERD HÖHLER

Der Kursverfall der türkischen Lira hat sich gestern dramatisch beschleunigt. Zeitweilig verlor die Währung gegenüber dem Dollar mehr fast 23 Prozent. Das war der größte Kursverlust an einem einzigen Tag seit der schweren türkischen Finanzkrise von 2001. Auch zum Euro stürzte die Lira auf ein historisches Tief.

Vor allem die hohe Inflation, Zweifel an der Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank und die Sorgen vor politischen Spannungen mit den USA sowie drohenden Wirtschaftssanktionen drücken die Lira. Am Freitag bestätigten sich die Befürchtungen: US-Präsident Donald Trump schrieb auf Twitter, er habe eine Verdoppelung der Einfuhrzölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei angeordnet. „Unsere Beziehungen zur Türkei sind im Moment nicht gut“, twitterte Trump.

Die Lira reagierte mit neuen Kursverlusten. Die USA fordern von der Türkei die Freilassung des mit Terrorvorwürfen konfrontierten Pastors Andrew Brunson und anderer US-Bürger.

Staatschef Recep Tayyip Erdogan hatte seinen Schwiegersohn Albayrak im Juli ins Finanzressort berufen. Er gilt als engster Vertrauter Erdogans und möglicher Nachfolger des Präsidenten. Die Eckdaten des neuen Wirtschaftsplanes (siehe Kasten) deuten darauf hin, dass die Regierung beim Wachstum den Fuß vom Gas nimmt, um eine drohende Überhitzung zu vermeiden. Ob das reicht, das erschütterte Vertrauen der Anleger und Investoren zurückzugewinnen, ist aber offen. Marktbeobachter sahen gestern keine Anzeichen einer Wende.

Die Anleger warten nun auf Signale der Zentralbank. Die Währungshüter könnten mit Zinserhöhungen versuchen, die Währung zu stützen und die Inflation zu bremsen, stoßen damit aber bisher bei Erdogan auf Widerstand. Die Notenbank hatte am 23. Juli die Leitzinsen unverändert gelassen. Das nächste Treffen des Komitees ist erst für den 13. September angesetzt. Möglicherweise wird es aber vorgezogen.

Der Kursverfall der Lira sorgte für Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten. Vor allem Bankaktien kamen unter Druck. Spanische, französische und italienische Geldinstitute sind stark in der Türkei engagiert. Sorgten sich die Anleger bisher wegen einer drohenden Rezession und Bankenkrise, geht jetzt sogar die Furcht vor einer möglichen Staatspleite um. Das zeigt der starke Anstieg der Prämien für Kreditausfallversicherungen auf türkische Staatsanleihen.

Staatschef Erdogan sprach gestern bei einem Besuch in der nordtürkischen Provinz Bayburt nach dem Freitagsgebet vor Gläubigen von einem „Wirtschaftskrieg“, den sein Land jedoch gewinnen werde. Er sieht hinter dem Währungsverfall eine Verschwörung gegen die Türkei. Bei einem Besuch seiner Heimatstadt Rize am Schwarzen Meer hatte Erdogan bereits am Donnerstagabend versucht, seine Zuhörer zu beruhigen: „Ignoriert diese Kampagnen gegen die Türkei“, rief Erdogan dem Publikum zu. „Die anderen mögen ihre Dollars haben, aber wir haben unser Volk und Allah.“ Erdogan versicherte: „Diese Nation hat keine Angst!“

Gestern rief Erdogan die Türken erneut dazu auf, Dollar, Euro und Gold in die Landeswährung umzutauschen. Dabei handele es sich um eine „nationale Anstrengung“. Die meisten Türken legen ihre Ersparnisse traditionell in harten Währungen oder in Gold an, um der Inflation ein Schnippchen zu schlagen.

Während der vergangenen Wochen hatte Erdogan mehrfach an die Bevölkerung appelliert, ihre „unter den Kissen“ gehorteten Devisen und in Gold angelegten Ersparnisse in Lira umzutauschen, um die eigene Währung zu stützen. Wer Erdogans Appell folgte, hat ein schlechtes Geschäft gemacht: Vor einem Monat bekamen die Türken für 100 Lira 18 EUR. Am gestrigen Freitag waren es nur noch 15,50 EUR.

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