Wird am Samstag 80: Joyce Carol Oates. Foto: dpa
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Wird am Samstag 80: Joyce Carol Oates. Foto: dpa

New York, Donnerstag, 14. Juni 2018

Quer durch die US-Literatur

Joyce Carol Oates wird am Samstag 80 und legt mit „Pik-Bube“ einen Psycho-Thriller vor.

von HELMUT PUSCH

Sie gilt seit Jahren als Anwärterin auf den Literatur-Nobelpreis – schon allein deshalb, weil sie fast alle anderen Auszeichnungen längst bekommen hat. Am Samstag wird Joyce Carol Oates 80 Jahre alt, und eben ist ihr Roman „Pik-Bube“ in Deutschland erschienen. Ein Psychothriller, der einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt.

Dabei ist die Konstruktion und die literarische Qualität des Textes vom Feinsten. Die Doyenne der US-Literatur spielt da gleich auf mehreren Ebenen mit Fiktion und Realität: Andrew J. Rush ist ein erfolgreicher Krimi-Autor aus der zweiten Reihe. Kritiker haben ihn zum „Stephen King fürs Bildungsbürgertum“ erklärt. Ein Titel, der zwar für ein sorgenfreies Auskommen samt Riesenanwesen in New Jersey sorgt, aber auch den Minderwertigkeitskomplex des Autors beflügelt. Wie sein Vorbild King, zu dem der Schreiber aus der zweiten Reihe auch Kontakt aufzunehmen versucht, und Oates, schreibt Rush nicht nur unter seinem richtigen Namen, sondern auch unter einem Pseudonym: Pik-Bube nennt er sich, wenn er nächtens mithilfe von trockenem Weißwein und viel Whisky seine mysogenen Ergüsse aufs Papier bringt, die so roh und rau sind, dass er sie sogar vor seiner Familie geheimhält.

Mehr noch: Seine Tochter macht keinen Hehl daraus, wie sehr sie die Romane „dieses widerlichen Machos“ verabscheut. Das Gleichgewicht zwischen Rush und Pik-Bube gerät ins Wanken, als der erfolgreiche Autor des Plagiats bezichtigt wird. Auch das ist eine reale Parallele zu King und Oates und eine literarische zu Kafka, als Rush versucht, Näheres zu dieser Klage zu erfahren.

Gleichzeitig erkennt Rushs Tochter, dass der wenig feine Pik-Bube Anekdoten aus dem Leben ihrer Familie und ihres Vaters verarbeitet. Und so lernt der Leser, dass dieser nette Andy Rush nicht ganz so harmlos ist: von Gewaltausbrüchen in der Schule ist die Rede, von einem Bruder, der unter mysteriösen Umständen umgekommen ist.

Allmählich kippt das Gleichgewicht, übernimmt Pik-Bube wie Stevensons Mr. Hyde die Kontrolle, und analog zu Edgar Allan Poe löst ein schwarzer Kater den völligen Kontrollverlust aus.

Oates hat da eine grandiose Spirale der Anspielungen konstruiert. Der Preis dafür: Mancher Handlungsstrang verliert schnell seine Spannung, und nicht alles wirkt durchdacht. Und doch: trotz des dunklen Themas ein Lesevergnügen. Helmut Pusch

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