Ulm, Mittwoch, 13. Juni 2018

Nur keine Umdrehung auslassen

Das neue Buch des Tübingers Joachim Zelter, „Im Feld“, ist eine Parabel auf unsere Gesellschaft der Getriebenen.

von TOBIAS KNAACK

Die Formel gibt Joachim Zelter gleich zu Beginn raus. Er habe „das Rezept, wie man keine Bücher verkauft“. Ein Autor, der zur Einführung seiner Lesung zu einem neuen Buch vom Start weg betont, wie es nicht geht: Viel schneller kann man wohl kaum einen Lacher landen – und die Zuhörer auf seine Seite ziehen.

Zelter weiß in der Radmanufaktur „Hommage“ in Ulm natürlich ganz genau, wie es geht: „Im Feld“, ein Roman des ambitionierten Amateur-Radsportlers Zelter über einen ambitionierten Amateur-Radsportler, ist eine sich über 154 Seiten erstreckende Geschichte wie eine gute Tagestour. Sprache und Tempo sind so abwechslungsreich wie das Terrain, das der Held der Geschichte, Frank Staiger, zu bewältigen hat – auf ein gemächliches Einrollen im Flachland folgt eine höllische Tempoverschärfung, folgt ein quälend langer Anstieg.

Mit im Sattel

Zelter trägt das in Geschwindigkeit und Betonung so vor, dass der Zuhörer mit im Sattel sitzt: Puls bei 180 im Kampf gegen den Berg, stets an der Schwelle auszusteigen, nur um dann doch immer weiterzumachen. Die nächste Kurve, die nächste Rampe, ein bisschen was geht noch.

Wenn Zelter doch die Zutaten hat, mitreißend zu erzählen, warum hat er dann das „Rezept“, kommerziell im Flachland zu radeln statt Höhen zu erklimmen? Weil nichts an seinen Büchern gefällig ist. Denn so schön die Prosa, so fordernd die Themen: die Entfremdung der Politik von den Menschen wie in „Der Ministerpräsident“, ein destruktives Bildungssystem, das keine Fehler duldet, wie in „Briefe aus Amerika“. Und nun „Im Feld“: Staiger ist ein Antiheld, gebrochen, fehlerhaft, der, obwohl völlig am Anschlag, keine Pedalumdrehung auslässt, ja nicht auslassen kann.

In der Person Staiger hält Zelter uns einen Spiegel vor – einer Gesellschaft der Getriebenen, die unter jeder Tempoverschärfung stöhnt, aber noch jede mitmacht. Das ist sprachlich herausragend verpackte Unbequemlichkeit, so schmerzhaft-schön wie die letzten 500 Meter vor dem Gipfel eines Berges. Puls bei 200.

Wie man dennoch keine Bücher verkauft, das wurde im „Hommage“ übrigens noch sehr real begreifbar. Das lag in dem Fall aber nicht am unbequemen Thema, der Verlag hatte die für Ulm vorgesehenen Exemplare an eine andere Buchhandlung geschickt. Tobias Knaack

Singlebörse

Singlebörse