Marcelo Crivella, der evangelikale Bürgermeister von Rio de Janeiro, ist kein Freund des Karnevals. Was nun die Samba-Schulen zu spüren bekommen. Foto: Yasuyoshi Chiba/AFP
Marcelo Crivella, der evangelikale Bürgermeister von Rio de Janeiro, ist kein Freund des Karnevals. Was nun die Samba-Schulen zu spüren bekommen. Foto: Yasuyoshi Chiba/AFP

Rio de Janeiro, Samstag, 10. Februar 2018

Der Sauertopf vom Zuckerhut

Rio de Janeiros erzkonservativer Bürgermeister Marcelo Crivella hat sich mit den Karnevalisten überworfen. Seine Zuschusskürzungen für die weltbekannten Samba-Schulen sorgen für Wut.

von VON TOBIAS KÄUFER

Mit finsterer Miene durchschritt Marcelo Crivella die Achse des Bösen. Aus reinem Interesse an der Infrastruktur sei er gekommen, hieß es vorher aus dem Umfeld des erzkonservativen Bürgermeisters von Rio de Janeiro. Nun marschiert er das weltberühmte Sambodrom ab, wo 70 000 Zuschauer Platz finden und das sich wie eine kerzengerade Verkehrsachse durch das Zentrum der Welthauptstadt des Karnevals schneidet. Dumm nur, dass Crivella, ein ehemaliger evangelikaler Bischof, vom jecken Treiben unter dem Zuckerhut so überhaupt nichts hält.

„Ich war noch nie beim Karneval. Ich bin evangelikal und er hat nichts mit meiner Welt zu tun“, sagte der Bürgermeister bereits vor einem Jahr. Das wäre in etwa so als ob sich Münchens OB dem Oktoberfest oder Kölns Verwaltungschef dem Rosenmontagszug verweigern würden. Schon damals fragten sich die Zeitungen: Wie soll das funktionieren, ein Karnevalshasser und das Samba-Spektakel?

Es sollte nicht. Erstmals verweigerte ein Verwaltungschef von Rio die symbolische Übergabe der Stadtschlüssel an König Momo – damit beginnt das närrische Treiben traditionsgemäß. Und im ersten Jahr seiner Regentschaft blieb Crivella auch dem Sambodrom fern. Immerhin tauchte er in dieser Woche nun auf Rios heiligem Boden auf, aus rein architektonischem Interesse, versteht sich.

Es sollte nicht einzige böse Überraschung sein, die der Bürgermeister für seine karnevalswütigen Untertanen übrig hatte. Denn angesichts von leeren Kassen nach den Olympischen Spielen kürzte Crivella den Samba-Schulen für die laufende Saison auch noch die Zuschüsse.

Für Rios Samba-Schulen, die eine wichtige gesellschaftliche Funktion einnehmen, hat das dramatische Folgen. Der Karneval ist auch eine Jobmaschine für die kriselnde Stadt: Ob Tourismus, Kostümindustrie oder Vereinswesen, alle profitieren davon.

Leandro Vieira, einer der wichtigsten Organisatoren und künstlerischen Leiter des Karnevals in Rio von der legendären Samba-Schule „Mangueira“ sieht in dem Vorgehen Crivellas religiösen Fanatismus: „Für die evangelikalen Kirchen ist der Karneval das Fest des Teufels.“ Die „Mangueira“ reagierte auf ihre Art und geht mit einem Protest-Song in die laufende Session: „Ob mit oder ohne Geld, ich spiele“.

Überhaupt wird Karneval 2018 in Brasilien so politisch wie selten: Ex-Präsident Lula da Silva, gerade wegen Korruption verurteilt, lädt aus Protest zu einer eigenen Veranstaltung in Sao Paulo. Und Rios Samba-Schulen wollen nicht nur Rios Bürgermeister aufs Korn nehmen, sondern auch die gesamte in die großen aktuellen Korruptionsskandale verwickelte brasilianische Politik.

Inzwischen spürt auch der Bürgermeister, dass er vielleicht einen Schritt zu weit gegangen ist. Zuletzt wurde Crivella sogar in der „Cidade do Samba“ gesichtet, der Samba-Stadt in der Rios Schulen ihre großen Umzugswagen bauen. Dort versuchte er zerschlagenes Porzellan wieder zu kitten und wurde sogar beim Singen eines Samba-Liedes erwischt. Wie er das wiederum seinen karnevalskritischen evangelikalen Anhängern erklären will, ist noch nicht bekannt.

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